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The Grotesque 20ies
00
Dezember 2019. Die Lichter glänzten, der Sekt floss. Ich stand auf der Weihnachtsfeier der Agentur, für die ich damals arbeitete, und blickte auf eines der besten Jahre zurück. Das Team war perfekt, die Stimmung am Höhepunkt, die Energie war unglaublich. In diesem Moment dachte ich nur: 'Wow, die Goldenen Zwanziger stehen vor der Tür!' Ich war überzeugt, das kommende Jahrzehnt würde bombastisch werden. Wir waren bereit, die Welt zu erobern.
Aber wir wissen alle, was dann kam.
Jetzt, knapp fünf Jahre nach dem ersten Lockdown, habe ich das Gefühl, diese Zeit und wie ich sie erlebt habe, für mich künstlerisch aufarbeiten zu müssen. Eine Reise zurück in eine groteske Realität.
In THE GROTESQUE 20IES wird die Ästhetik des Art Déco zur Projektion des Unheimlichen. Die Eleganz schützt nicht vor dem Grotesken; sie verleiht ihm eine verstörende Form von Normalität. Es ist die visuelle Sezierung einer Ära, in der die Maske nicht mehr nur Accessoire war, sondern zur neuen, ausdruckslosen Haut einer Gesellschaft mutierte.
01
Wir hatten eine Feier erwartet, aber wir erwachten in einer Maskerade. Der Rhythmus der 20er Jahre ist noch da, aber die Gesichter haben sich verändert. Hinter den Perlen und Nadelstreifen kamen die Monster zum Vorschein. Eine visuelle Verarbeitung einer Zeit, die nicht so verlief, wie wir es gedacht hatten.
The Twisted Masquerade fungiert als soziologisches Tableau. Hinter den stilisierten Fassaden der 1920er Jahre demaskiert die Serie die schleichende Dehumanisierung einer Gesellschaft im Ausnahmezustand.
The Twisted Masquerade.
02
Etwas geschah, das die Welt noch nie gesehen hatte – der weltweite Lockdown. Von einem Augenblick auf den nächsten hielt unsere Zivilisation den Atem an. Die stolzen Metropolen lagen plötzlich still, wie ausgestorben, unter einem bleiernen Himmel. Wo normalerweise das Leben pulsierte, hallte nur noch das Echo durch die verlassenen Schluchten aus Stahl und Beton.
Crazy, spooky, scary.
Forsaken Metropolis.
03
Während viele Trost in der Maske fanden, löschte sie für mich den Kern menschlicher Verbindung aus: den Gesichtsausdruck. Sie verwandelte jede Begegnung in ein Treffen mit einem ausdruckslosen „Creep“, bei dem die Kommunikation auf nichts als ängstliche Blicke reduziert wurde.
Deadly Orchid untersucht diesen subjektiven Rückzug – eine Reise in eine digitale Groteske. Der Titel zitiert ein Motiv der 1920er Jahre: die Orchidee als Symbol für eine künstliche, gefährliche Schönheit, die in der Dekadenz ihrer Zeit erblüht. In dieser Serie wird die Metapher in die Gegenwart übersetzt. Die Frau wird zur „Deadly Orchid“ der 2020er: Makellos in ihrer Erscheinung, aber erstarrt in einer maskierten Stille.
Hier geht das menschliche Gesicht und damit unsere gemeinsame Menschlichkeit verloren. Es ist die Ästhetik der Distanz, in der die Erotik des Lächelns einer sterilen Fassade weichen musste. Wie die Treibhausblumen der *Roaring Twenties* wirken diese Gestalten hochgezüchtet und elegant, doch ihre Mimik ist unter ihren Masken erstickt — Schönheiten, die nicht mehr atmen dürfen.
Deadly Orchid.
04
Edward S. Herman und Noam Chomsky haben ihn 1988 geprägt – in ihrem Buch Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media. Die These: Massenmedien in kapitalistischen Demokratien erzeugen keinen offenen Zwang. Sie schaffen Konsens. Durch Selektion, Wiederholung, den engen Kanal der erlaubten Meinungen. Das Einverständnis der Bevölkerung wird nicht gebrochen – es wird fabriziert.
Ich hatte dieses Konzept im Kopf, als ich an diesem Kapitel arbeitete. Nicht als Theorie. Als Erinnerung.
Flatten the curve. Follow the science. The new normal. Zero Covid.
Ich erinnere mich an die Sätze. Sie waren allgegenwärtig. Auf Bildschirmen, auf Plakaten, in jedem Nachrichtenformat. Immer gleich. Weltweit. In jeder Sprache. Aus einem Mund.
Safe and effective. Andrà tutto bene. Wir bleiben zu Hause.
Die Botschaft war nicht dieselbe – sie war identisch.
Das ist der Moment, den dieses Kapitel einfangen will: der Moment, in dem Sprache aufhört, zu kommunizieren – und beginnt, zu konditionieren. Wo Information zur Liturgie wird. Wo das Grammophon zum Tempel mutiert und die Gasmaske zum Gesicht.
Die Bilder von Manufactured Consent zeigen Figuren in Schwarz und Weiß, in Gewändern, die an Rituale erinnern. Sie wenden sich einem Objekt zu, das sendet – nicht empfängt. Kein Dialog. Nur Richtung.
Ob das damals wirklich so war, beantworte ich nicht. Aber es hat sich so angefühlt.
Und dieses Gefühl ist das Material, aus dem diese Serie entsteht.
Manufactured Consent
05
Wenn ich an 2020 und 2021 zurückdenke, kehrt eine Frage immer wieder. Wie brutal muss diese Welt für unsere Kinder gewesen sein?
Das Kapitel heißt The Burden of Innocence, weil das, was geschah, keine bloße Entbehrung war. Wir haben unseren Kindern Schuld aufgeladen — Schuld, die nicht ihre war. Wir haben nicht nur die Spielplätze geschlossen. Wir haben den Kindern suggeriert, dass eine Umarmung den Tod der Großeltern bedeuten könnte, dass ihr Atem gefährlich ist. Dass ihre Nähe zu den Menschen, die sie am meisten lieben, die eigentliche Bedrohung ist.
Ich weiß nicht, wie ein Kind das vollständig in sich aufnimmt.
Die Bildsprache dieses Kapitels ist bewusst minimal. Nur Objekte, die Kinder zurückgelassen haben, die Räume, von denen sie ferngehalten wurden, die Schatten von Dingen, die in Bewegung hätten sein sollen. Ein Dreirad, auf der Seite liegend. Ein Schaukelgestell am Rand eines Plattenbau-Hofs. Die Stille eines Ortes, der eigentlich mit Lärm gefüllt sein sollte. Der Beton ist immer da. Wuchtig. Gleichgültig. Kalt.
Ich mache mit diesem Kapitel kein politisches Statement. Ich mache ein menschliches.
Was mit Kindern in 2020 und 2021 geschah, war nicht unvermeidlich. Es war eine Entscheidung — getroffen in Angst, getroffen in Eile, getroffen ohne ausreichendes Gewicht für das, was sie die Kleinsten kosten würde. Ich möchte nicht, dass das im allgemeinen Nebel der „schwierigen Zeit" verschwindet.
Was wir unseren Kindern angetan haben, sollten wir nicht vergessen.
Damit sich so etwas nicht mehr wiederholt.
06
2020, dann 2021. Etwas veränderte sich — nicht nur da draußen in der Welt, sondern im feinen Raum zwischen uns Menschen. Gespräche bekamen eine andere, härtere Textur. Familien zögerten vor Umarmungen. Freundschaften zerbrachen still entlang unsichtbarer Bruchlinien, während im selben Moment neue entstanden.
Irgendwann tauchte ein Wortpaar in meiner Erinnerung auf. Lateinisch. Alt. Divide et impera. Teile und herrsche.
Ich war ihm zum ersten Mal im Geschichtsunterricht begegnet — wie die meisten von uns, als bloße Fußnote der Macht. Das Römische Reich. Die britische Kolonialpolitik in Indien. Die Strategie ist uralt und von einer erschreckenden, fast banalen Schlichtheit: Solange die Menschen unter dir gespalten bleiben, können sie sich nicht gegen dich vereinen. Philipp II. von Makedonien gilt als einer ihrer frühen Praktiker. Julius Cäsar verfeinerte sie. Jedes Imperium seitdem hat sie neu gelernt.
Was mir in dieser Zeit auffiel, war jedoch nicht, wer da spaltete. Es war das schmerzhafte Erkennen, dass wir gespalten wurden.
Ich bemerkte es zuerst im eigenen Inneren — eine langsame, fast lautlose Neuordnung des Vertrauens. Wer war vorsichtig genug? Wer war unvorsichtig? Wer stellte Fragen, die ich noch nicht zu hinterfragen gewagt hatte? Wer akzeptierte Dinge, die ich noch nicht zu akzeptieren bereit war? Plötzlich war man auf der einen Seite oder auf der anderen. Die Mitte wurde zu einem Ort, den man kaum noch halten konnte. Es fühlte sich orchestriert an.
Denn was mich traf, war gar nicht diese oder jene konkrete Entscheidung, diese oder jene Schlagzeile. Es war der Rhythmus. Wie jede neue Wendung exakt in dem Moment auftauchte, in dem die Wirkung der vorherigen abzuflachen drohte. Wie sich die Sprache unmerklich, aber stetig verschob, sodass der vernünftige Mensch von gestern fast über Nacht zum Abweichler von heute wurde. Wie die Trennlinien sich nicht auflösten, sondern vervielfachten. Bis eine Orientierung ohne das Wählen einer Seite unmöglich schien.
Divide et impera. Das Prinzip braucht keinen konkreten Urheber, um reibungslos zu funktionieren.
Was es hinterlässt, versuche ich bis heute zu begreifen. Ein Nachhall. Dieses bleibende, unbequeme Wissen, gesehen zu haben, wie leicht sich eine Gesellschaft bewegen und lenken lässt — nicht durch rohe Gewalt, sondern durch die feine, administrative Verwaltung dessen, wem man überhaupt noch vertrauen darf. Das legt man nicht so einfach wieder ab.
Die Bilder meines Werkes *Divide et Impera* kommen genau aus diesem Nachhall. Zwei Massen. Links Weiß, rechts Schwarz. Jede Gestalt verhüllt, kapuzenbedeckt, gesichtslos — keine Individuen mehr, sondern nur noch die Farbe ihres Lagers. Und dazwischen, auf der Treppe, eine einzelne Figur. Die Massen bewegen sich nicht; sie stehen sich unversöhnlich gegenüber. Das war das prägende Gefühl jener Tage: keine stille Distanz, sondern offene Feindschaft. Es gab keinerlei Bereitschaft mehr, aufeinander zuzugehen. Es blieb unbarmherzig schwarz-weiß. Eine Vermischung war unmöglich geworden. Nur noch die vollständige, sterile Sortierung.
Die Serie urteilt nicht über jene, die auf der einen oder anderen Seite der Linie gelandet sind. Ich bin auch irgendwo gelandet. Wir alle sind es.
Die Frage, die am Ende bleibt, ist viel elementarer als jede Politik. Sie lautet: Wie schnell ist das gegangen? Und wie erschreckend wenig war dafür nötig?