Proscriptio – Studia Numinis Obscuri, Dirk Habenschaden

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Es gibt einen Moment, den jeder kennt, der eine Meinung hatte, die nicht en vogue war. Keinen Streit. Kein Argument. Nur Schweigen — und danach war etwas anders.

Cancel Culture, Ausgrenzung, das stille Verschwinden aus dem Diskurs: Das sind keine Phänomene des öffentlichen Lebens allein. Sie geschehen im Kleinen, im Alltäglichen, in den Räumen, in denen man eigentlich dazugehören sollte. Die Frage, die mich beschäftigt, ist nicht die politische. Es ist die menschliche: Was macht das mit jemandem?

Verdi hat darauf eine Antwort gegeben, lange bevor das Wort dafür existierte. Das Confutatis maledictis aus seinem Requiem benennt den Moment ohne Beschönigung: wenn die Verdammten beiseitegestellt werden — nicht weil sie schuldig sind, sondern weil ihre Gedankenwelt unbequem ist.

Aus der anderen Meinung wird ein Makel.
Aus dem Makel wird ein Charakter.

Proscriptio: Motiv 1, figürliche Abbildung, erste Iteration der Figur, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 2, figürliche Abbildung, erste Iteration der Figur, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 3, Porträt-Abbildung, erste Iteration des Gesichts, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 4, Porträt-Abbildung, erste Iteration des Gesichts, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 5, Porträt-Abbildung, erste Iteration des Gesichts, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 6, Iteration Körperhaltung, Dirk Habenschaden
erste Studien

Der schwarze Engel

Er ist gefährlich. Er ist toxisch. Er bedroht mit seiner eigenen Haltung den öffentlich geltenden Diskurs und den Zusammenhalt. Er gehört nicht mehr dazu. Er wird nicht mehr gehört. Die Gemeinschaft glaubt das — weil sie es glauben muss. Weil der Ausschluss sonst keine Rechtfertigung hätte.

So wird aus jemandem, der anders denkt, jemand, vor dem man sich schützen muss. Er existiert in einem Raum, in dem sein Name schon besetzt ist — bevor er den Mund aufmacht.

Proscriptio: Motiv 7, figürliche Abbildung, Skizze des Schwarzen Engels, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 8, figürliche Abbildung, Skizze des Schwarzen Engels, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 9, figürliche Abbildung, Skizze des Schwarzen Engels, Dirk Habenschaden
erste Studien
Proscriptio: Motiv 10, die gotische Umgebung, eine gotische Kathedrale bei Nacht, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 11, aus Verdis Requiem: et lux perpetua luceat eis, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 12, aus Verdis Requiem: et lux perpetua luceat eis, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 13, aus Verdis Requiem: et lux perpetua luceat eis, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 14, verschiedene Posen des Schwarzen Engels, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Motiv 15, der Schwarze Engel, aufgebracht und zornig, Dirk Habenschaden

Was übrig bleibt — die Physiognomie des Urteils

Am Ende löst sich der Mensch auf. Zurück bleibt eine Fratze, geformt aus den Urteilen der Meute: Kalkweiße, rissige Haut, Augen wie zwei schwarze Löcher und ein Lächeln, das mit groben Stichen über die Wangen gezogen wurde. Nicht Ausdruck von Freude, sondern eine Narbe fremden Willens.

Er lacht und weint zugleich — schwarze Tränen, die nicht mehr versiegen.

Das Gesicht ist unnahbar geworden, ein entmenschlichtes Mahnmal. Ein Wesen, das nicht mehr sprechen kann, sondern nur noch als Schreckbild dient, von dem man sich abwendet.

Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 1, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 2, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 3, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 4, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 5, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 6, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 7, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 8, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 9, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 10, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 11, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 12, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 13, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physiognomie des Urteils 14, Dirk Habenschaden

Die Physis der Ausgrenzung

Die Verwandlung als ein physischer Prozess. Jedes Material trägt eine eigene Phase der Entfremdung.

Am Anfang steht Haut, ungeschützt und brüchig. Die Dornen und Risse sind noch offene Wunden, frische Narben eines Konflikts. Es gibt noch Schmerz. Es gibt noch ein Gegenüber.
Gips. Das Werkstattmaterial der Abgüsse und Masken saugt jede Feuchtigkeit auf, entzieht dem Körper das Leben, während fremde Hände ihn bearbeiten. Die Figur wird formbar gemacht, abgeformt, vorbereitet auf den Guss.
Porzellan. Die Haut weicht einer zerbrechlichen aber unempfindlichen Hülle, sie nimmt keine Wärme mehr an. Aufgemalte Dornenranken und florale Formen, ein Kintsugi der Ächtung: der Schmerz wird ästhetisiert, das Subjekt zur Vitrinenfigur. Man betrachtet, man berührt nicht mehr.
Rost. Zerfressenes Eisen, blutrote, schwarze und goldene Verzierungen. Rost ist die chemische Folge von Isolation und Zeit — was der Witterung schutzlos überlassen bleibt, frisst sich selbst von innen auf.
Am Ende Kalkstein. Jahrhunderte in einer Oberfläche, Konturen, die verschwimmen, Kanten, die abbrechen. Kein Individuum mehr — vollständig verschmolzen mit der Dom-Architektur.

Das Material ist das Urteil. Es entscheidet, ob die Figur als Heiligenfigur bewahrt, als Dekoobjekt bestaunt oder der Zeit überlassen wird.

Proscriptio: die Physis der Ausgrenzung 2, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physis der Ausgrenzung 3, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physis der Ausgrenzung 4, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physis der Ausgrenzung 7, Dirk Habenschaden
Proscriptio: die Physis der Ausgrenzung 8, Dirk Habenschaden

Die Architektur des Urteils

Der Raum ist die Maschinerie selbst. Die gotische Kathedrale ist gebaute Ordnung: Vertikalen, Rippen, ein System, das jeden Stein an seinen Platz zwingt. Wer sich der Statik widersetzt, muss behauen werden.

An den Portalen wachen die in Stein gehauenen Köpfe — Fratzen, Wächter, Heilige, dicht gedrängt in den Laibungen. Ein Chor der Erstarrten, Gesichter ohne Eigenleben, nur noch Mahnung an der Schwelle.

Der Altar ist der Ort des Tausches. Hier wird nicht geredet, hier wird geweiht. Ein Mensch wird zum Symbol, Fleisch zur Gabe, damit die Gemeinschaft ihre eigene Reinheit feiern kann.

Der sakrale Raum schützt nicht. Er rahmt die Hinrichtung als Pflicht — und überdauert jeden, der das Urteil gesprochen hat. Wenn die Gemeinde gegangen und der Weihrauch verflogen ist, bleibt nur die kalte Geometrie des Steins.

Proscriptio: Die Architektur des Urteils 1, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Die Architektur des Urteils 2, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Die Architektur des Urteils 3, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Die Architektur des Urteils 4, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Die Architektur des Urteils 5, Dirk Habenschaden
Proscriptio: Die Architektur des Urteils 6, Dirk Habenschaden

The story moves on …