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Simulacren, Simulation und Hyperrealität in der KI-Kunst von Visual Generative Art

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Dirk Habenschaden und ChatGPT, Dez, 2025

Was steckt hinter Baudrillards Theorie der Simulacra und Simulation

Jean Baudrillards Theorie der Simulacra und Simulation untersucht das Verhältnis von Realität und Zeichen in der modernen Gesellschaft. Er definiert Simulacra als „Kopien, die Dinge darstellen, die niemals existierten, oder die kein Original mehr besitzen“, und Simulation als „Imitation eines realen Ablaufs“. In den Massenmedien sieht Baudrillard eine Entfremdung der Wirklichkeit: Zeichen und Bilder stehen „nur noch für sich selbst“ ohne Bezug zu einer greifbaren Realität. Die Hyperrealität ist folglich „das Abbild von etwas, das es in der Realität nicht gibt, sondern sein eigenes Simulacrum ist“. Mit anderen Worten, eine durch Modelle erzeugte Wirklichkeit, in der Fiktion und Realität ununterscheidbar werden.

Mehr zu Jean Baudrillards Theorie findest Du hier.

Diese theoretischen Konzepte lassen sich auf die aktuellen KI-basierten Kunstserien übertragen: Sirene | eat — pray — love, Dance with the Devil, the unwanted touch und Poetry in Black and White. Alle vier Arbeiten spielen auf ihre Weise mit Simulation, Hyperrealität und Zeichen: Sie entstehen im Dialog zwischen menschlicher Imagination und maschineller Algorithmik und hinterfragen, wo das Reale endet und das Simulierte beginnt. Im Folgenden werden die Serien mit Baudrillards Begriffen in Verbindung gesetzt.

Sirene
Sirene | eat — pray — love

Sirene | eat — pray — love: Surreale Verfremdung des Vertrauten

Sirene ist eine Serie grafisch-surrealer Schwarz-Weiß-Porträts von Frauen, die Schönheit und Anziehung des Verborgenen thematisiert. Auf den ersten Blick wirken die Bilder wie klassische Porträts, doch „artfremde Elemente verleihen den Porträts eine subtile Surrealität, die die Wahrnehmung verschiebt und das Gewohnte verfremdet“. In diesen Werken „begegnen sich Imagination und Form“ in präziser Stille – reale Gesichtszüge verschmelzen mit traumhaften, nicht greifbaren Details. Die Portraitierten existieren so nur in der künstlichen Bildwelt: Sie wurden durch neuronale Netze generiert („wenn neuronale Netze träumen“) und besitzen keine lebenden Vorbilder. Wir betrachten hier also buchstäblich Simulakren im Baudrillard’schen Sinne, „Kopien“ von Menschen, „die niemals existierten“.

Die Schönheit der Oberfläche verführt bis das Verborgene sich zeigt und die Realität ins Schwanken gerät.

Gerade weil die Gesichter glaubwürdig erscheinen, aber keinem realen Individuum zugeordnet sind, entsteht ein hyperrealer Effekt: Das Porträt ist täuschend echt und doch ein Trugbild. Der Betrachter verliert sich in „Formen, Texturen und feinen Übergängen“ und kann kaum noch klar trennen, was real und was fiktional ist. Damit veranschaulicht Sirene die zweite Stufe der Baudrillard’schen Bildordnung – eine verfremdete Abbildung der Realität – die so weit perfektioniert ist, dass sie beginnt, die Realität selbst zu überlagern. Das Ergebnis ist eine stille, verführerische Hyperrealität, in der die fotografische Illusion ebenso präsent ist wie das, was sie darstellt.

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Dance with the Devil — Neun Facetten. Ein Widerstand

Dance with the Devil: Menschlichkeit im Netz der Zeichen

Bei Dance with the Devil handelt es sich um ein multimediales Kunstprojekt, das explizit die Menschlichkeit im Zeitalter technologischer Kontrolle reflektiert. Die Serie stellt provokativ die Frage: „Was bleibt, wenn Menschlichkeit zur Variable wird?“ – wenn also der Mensch nur noch als austauschbarer Datensatz im System erscheint. Visuell inszeniert wird dieses Szenario durch neun Motive, in denen menschliche Körper in einem strengen Spannungsfeld zwischen Unterwerfung und Aufbegehren gezeigt werden.

Die Figuren sind „gefangen im Netz binärer Strukturen, überzogen von Zeichen, die zugleich verschlüsseln und offenbaren“. In diesen Bildern überlagert der digitale Code buchstäblich den Körper: endlose Reihen aus 0 und 1 bedecken die menschliche Silhouette wie ein Schleier, machen den Menschen maschinenlesbar – und entziehen ihm zugleich seine Individualität. Baudrillards Befund einer durch Daten ersetzten Wirklichkeit spiegelt sich hier unmittelbar wider: Nichts bleibt unvermessen, alles wird zum Datensatz. In den begleitenden poetischen Texten heißt es, selbst Gefühle lägen nur noch „als Datensätze – gesichert, lesbar, kopierbar“ vor. Diese totalitäre Vermessung des Menschen verweist auf eine Hyperrealität der vollständigen Kontrolle, in der das Zeichen (der Code) die Oberhand gewinnt und die lebendige Realität verdrängt

Menschlichkeit als Anomalie im perfekten System.

Trotz dieser düsteren Vision lässt Dance with the Devil einen Funken an Widerstand aufscheinen. Aus den kalten blauen Lichtkaskaden der Algorithmen bricht in jedem Motiv ein glühendes Rot hervor – „der letzte Rest von Widerstand“, der letzte lebendige Impuls, der sich der völligen Simulation widersetzt. Dieses Rot symbolisiert das Unberechenbare, Unvermessbare der menschlichen Seele, die „weder gelöscht noch auf Werkseinstellung zurückgesetzt“ werden kann und „noch immer nicht käuflich“ ist. Hier steht die Serie ganz in der Tradition der Dystopie und gleichzeitig der Hoffnung: Sie zeigt eine Welt, in der der Mensch fast in der digitalen Matrix aufgegangen ist – und dennoch behauptet sich etwas Echtes, Ungescanntes jenseits der Daten.

Interessant ist auch die Art und Weise, wie Dance with the Devil die Grenze zwischen dem physischen Kunstwerk und dem digitalen Raum aufhebt. Jedes Bild der Serie ist mit einem individuellen Vibrant Response Code versehen, der als Tor in eine erweiterte Realität dient. Scannt der Betrachter diesen Code, entfaltet sich hinter dem statischen Print ein ganzes digitales Resonanzfeld: Die binären Verse werden entschlüsselt und hörbar gemacht, begleitet von Klang und Bewegung. Bild, Ton und Text verschmelzen so zu einem immersiven Erlebnis, das über die sichtbare Oberfläche hinausreicht. Das Kunstwerk existiert somit doppelt – als materieller Print und als virtuelles Ereignis – und verkörpert eine echte Hyperrealitätserfahrung. Die Zeichen im Bild (der Code) generieren einen eigenen, erlebbaren Sinnesraum, ohne auf eine traditionelle Realität außerhalb des Kunstwerks zu verweisen.

Diese Serie veranschaulicht dadurch, wie Baudrillards Prophezeiung von der allumfassenden Simulation in der Kunst aufgegriffen und reflektiert wird: Der Mensch als figuratives Motiv wird zum Träger von Codes, doch im Akt des Betrachtens und Hörens kann der Funke des Menschlichen – das Unprogrammierbare – neu entdeckt werden.

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the unwanted touch — Anatomie einer übergriffigen Gesellschaft

the unwanted touch: Sichtbare Metapher des Unsichtbaren

In der Serie the unwanted touch wird ein sehr reales Thema – das Trauma der sozialen Übergriffigkeit – in eine symbolträchtige Bildsprache übersetzt. Ausgangspunkt ist der Moment, in dem eine unerwünschte Berührung die persönliche Grenze eines Menschen überschreitet und zur psychischen Invasion wird. In der Serie werden die unsichtbaren seelischen Verletzungen visualisiert, die aus solchen Übergriffen resultieren, indem sie einen fortwährenden Verteidigungsmechanismus ins Bild setzt: Der betroffene Mensch reagiert auf den traumatischen Eingriff, indem er sich „einen symbolischen Panzer anlegt“, eine schützende Kruste, die seine verletzte Integrität bewahren soll. Diese harte Schale – eine Art zweite Haut – erstarrt schließlich und wird zur sichtbaren Metapher innerer Starre, „zugleich Ausdruck von Scham, Ekel und Selbstschutz“.

Wenn Sprache versagt, beginnt das Bild zu sprechen.

Aus Baudrillards Perspektive ließe sich sagen: the unwanted touch erschafft ein Simulacrum des Traumas. Das reale seelische Leid ist unsichtbar und individuell – doch im Kunstwerk erscheint es als konkretes, greifbares Zeichen: die Panzerhaut, die den ganzen Körper überzieht. Hier wird also eine Wirklichkeit, die es physisch nicht gibt, in ein Bild überführt, das für sich steht. Ähnlich wie Magrittes Gemälde einer Pfeife („Ceci n’est pas une pipe“) keinen echten Rauchgegenstand zeigt, sondern eine Idee davon, zeigt diese Serie keinen tatsächlichen körperlichen Schaden, sondern die Idee eines seelischen Schadens in körperlicher Form. Die Hyperrealität äußert sich in der Übertreibung und Veräußerlichung des Unsichtbaren: Das Bild der verkrusteten Gestalt ist überreal in seinem Detailreichtum und Schmerz, obwohl es nur ein Symbol ist. Indem die Serie den inneren Zustand als außen sichtbare Hülle darstellt, führt sie dem Betrachter drastisch vor Augen, wie Zeichen und Realität sich gegenseitig durchdringen können. Das Zeichen (die Kruste) wird hier zum Träger der Wahrheit über das Unsichtbare – es ist gewissermaßen ein Zeichen, das seine eigene Referenz erzeugt, um das Unaussprechliche mitzuteilen. In diesem Sinne offenbart the unwanted touch auf eindringliche Weise, wie Simulation in der Kunst dazu dienen kann, Empathie für reale menschliche Erfahrungen zu wecken: Der Hyperrealismus der Darstellung – so erschreckend er wirken mag – erlaubt es, das Ausmaß des Traumas nachzuempfinden, obwohl man weiß, dass die gezeigte Panzerhaut nicht wörtlich real ist.

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Poetry in Black and White — Breaking the Silence

Poetry in Black and White: KI-Wesen und mehrdimensionale Hyperrealität

Poetry in Black and White sprengt den Rahmen des Einzelbildes und erschafft ein ganzes multimediales Universum künstlicher Wesen. Die Serie dreht sich um sechs „künstlich erschaffene Wesen“, die nach und nach „in einem stillen Dialog zwischen menschlicher Vorstellungskraft und der präzisen Logik der Maschine“ entdeckt wurden. Diese Kreaturen existieren ausschließlich innerhalb der Kunst: Es sind digitale Fabelwesen, geboren aus Algorithmen und kuratiert durch den Künstler, ohne Entsprechung in der realen Natur. Mit Baudrillard gesprochen handelt es sich um Simulakren, also geschaffene Zeichen, die kein natürliches Original haben und ihre eigene Realität konstituieren.

Besonders bemerkenswert ist, wie Poetry in Black and White dem Betrachter ermöglicht, in die Lebenswelt dieser simulierten Wesen einzutauchen. Jedes der sechs Motive ist mit einem sogenannten Vibrant Response Code ausgestattet – dem Herzstück des Projekts, das aus jedem Bild ein „mehrdimensionales Erlebnis“ macht. Hinter den streng komponierten Schwarzweiß-Drucken verbergen sich Schichten aus Ton, Sprache und Interaktion: „Soundcollagen, die jedem Wesen eine eigene akustische Präsenz verleihen, gesprochene Poesie, die das Unsichtbare hörbar macht und eine digitale Lebendigkeit, die auf Bewegung und Berührung reagiert“. Mit anderen Worten: Jedes dieser Bilder lebt weiter jenseits seiner Oberfläche. „Jede Arbeit ist mehr als ein Bild: ein Fragment eines größeren Wesens, ein Moment in einem fließenden System, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden“. Der Betrachter ist eingeladen „zu sehen, zu hören und zu fühlen, was jenseits der Oberfläche liegt“. Damit erzeugt die Serie eine einmalige Hyperrealitätserfahrung: Die Grenze zwischen dem statischen Kunstobjekt und einer dynamischen, virtuellen Welt verschwimmt vollständig.

Simulation, die spürbar wird – nicht als Täuschung, sondern als Möglichkeit.

In Baudrillards Begrifflichkeiten markiert Poetry in Black and White den Schritt in die vierte Ordnung der Simulation: Das Simulacrum durchdringt hier alle Ebenen des Erlebens. Die Wesen der Serie haben keine Außenreferenz – sie sind vollends in ihrer eigenen, künstlichen Welt real. Gleichzeitig besitzen sie für den Betrachter spürbare Präsenz: Man erlebt ihre Eigenschaften über Bild, Klang und Interaktion, fast so, als wären sie tatsächlich lebendige Entitäten. Diese „echter als echte“ Erfahrung entspricht dem, was Baudrillard als Hyperrealität beschreibt – ein Zustand, in dem Modelle von etwas (hier: von Lebewesen) so real wirken, dass das Fehlen eines physischen Originals bedeutungslos wird.

Interessant ist jedoch, dass Poetry in Black and White die Simulation nicht als bedrohlichen Verlust von Wirklichkeit darstellt, sondern als poetischen Zugewinn: Indem die unsichtbaren Regungen und Geschichten dieser KI-Wesen hörbar und fühlbar gemacht werden, stiftet die Serie neue Bedeutungen jenseits der sichtbaren Zeichen. Hier dient die Technologie als Mittel, um das vom Menschen Imaginierte sinnlich erfahrbar zu machen – Simulation wird zum kreativen Akt der Erweiterung unserer Wahrnehmungsrealität, nicht bloß zu ihrer Täuschung.

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Fazit: Zwischen Code und Gefühl – Kunst im Zeitalter des Hyperrealen

Die vier analysierten Serien demonstrieren, wie KI-Kunst die Ideen von Simulacrum und Simulation erkundet und erlebbar macht. Jede Serie schafft ihre eigene Variation von Hyperrealität:

Sirene verfremdet Porträtbilder subtil, sodass aus realistisch anmutenden Gesichtern traumhafte Zeichen ohne Original werden.

Dance with the Devil entwirft eine dystopische Welt, in der der Mensch fast vollständig in Daten und Algorithmen aufgeht – und hält doch an dem „Unantastbaren“ fest, an einem letzten Rest echter Emotion, der sich der Simulation widersetzt.

the unwanted touch nutzt die Macht des Bildzeichens, um unsichtbares Leid sichtbar zu machen, und zeigt damit, wie ein Simulacrum zugleich schockierend artifiziell und tief wahrhaftig sein kann.

Poetry in Black and White schließlich überschreitet die Grenzen des traditionellen Tafelbilds und integriert den Betrachter in ein immersives Netzwerk aus Bildern, Klängen und Interaktionen – eine künstlerische Symbiose von Realität und Virtualität, in der neue Wesen real werden, indem wir ihnen unsere Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft schenken.

Zusammen offenbaren diese Werke, dass wir uns tatsächlich in einem Zeitalter der binären Kontrolle und der simulierten Zeichen befinden – doch zugleich betonen sie die menschliche Fähigkeit, diesem Zustand Bedeutung abzuringen. Die Kunst von Visual Generative Art führt uns vor Augen, was Baudrillard theoretisch beschrieben hat: „die Beziehungen zwischen Realität, Symbolen und Gesellschaft“ in einer Welt, in der die Grenzen verschwimmen. Aber anstatt in der Aussicht auf den Verlust aller Authentizität zu verzweifeln, laden uns diese Serien dazu ein, neue Ebenen der Wirklichkeit auszuloten. Sie zeigen, dass Simulation in der Kunst nicht nur Entfremdung bedeuten muss, sondern auch eine tiefere Erfahrungsebene eröffnen kann – einen Raum, in dem Code und Gefühl sich begegnen und das Unvorstellbare Gestalt annimmt.

Diese Reise durch Hyperrealität und Zeichen führt letztlich zu einer Erkenntnis: Gerade im Spiel mit dem Unwirklichen tritt das zutiefst Menschliche zutage – sei es in einem Blick, der trotz aller Algorithmen Hoffnung ausdrückt, oder in einem digitalen Wesen, dem wir mit Empathie begegnen. Die simulierten Bilder werden so zum Spiegel, in dem wir unsere eigene Realität neu erkennen.