Ein lauer Sommerabend in Berlin: In einer kleinen Galerie drängen sich Besucher vor einem Bild, das direkt aus einem Traum stammen könnte. Doch statt Öl und Leinwand ist hier ein Algorithmus am Werk. Wo einst Salvador Dalí seine Uhren schmelzen ließ, hat nun eine Künstliche Intelligenz eine Wüstenlandschaft mit zerfließenden Uhren und schwebenden Fischen halluziniert – erzeugt in Sekunden per Textbefehl. Solche Szenen, die gestern noch der Fantasie vorbehalten waren, bevölkern heute in atemberaubendem Tempo die Bildschirme. KI-Bildgeneratoren wie Midjourney oder DALL·E haben eine Flut fantastischer Bildwelten freigesetzt. Längst sind es nicht mehr nur Spielereien für Meme-Kultur – auch renommierte Künstler und Kuratoren experimentieren mit den neuen Tools, und der Kunstmarkt bleibt davon nicht unberührt. Tatsächlich erlebt der Kunstbetrieb eine Renaissance des Surrealismus – sowohl der historischen Bewegung als auch ihrer Methode. Prominentestes Indiz: die 59. Venedig-Biennale 2022. Unter dem Titel „The Milk of Dreams“ präsentierte Kuratorin Cecilia Alemani dort sämtliche Spielarten einer Kunst jenseits rationaler Grenzen. Selbst die Verkaufszahlen spiegeln den Trend wider: Im Art Industry Trends Report 2023 taucht „Contemporary Surrealism“ bereits als eigenständige Kategorie unter den gefragtesten Positionen im Galerieverkauf auf.
Diese neue Welle surrealistischer Bildwelten hat einen ebenso neuen Ursprung: das maschinelle Unbewusste. Seit Sigmund Freuds Revolution der Psychologie wissen wir, dass unter der Oberfläche unseres Bewusstseins ganze Welten aus verborgenen Wünschen, Träumen und Ängsten schlummern. Vor gut hundert Jahren machten sich André Breton und die Surrealisten daran, mit Automatismus, Collagen und Traumbildern dieses Unbewusste ans Licht der Kunst zu bringen. Heute, in einer zunehmend digitalisierten Gegenwart, stellt sich die Frage: Haben die Maschinen, die nach unserem Vorbild lernen, mittlerweile ein eigenes Unbewusstes? Schließlich speist sich ein KI-Bildgenerator aus Millionen von menschlichen Bildern und Texten – ein kollektiver Datentraum, in dem sich unsere Bildtraditionen spiegeln. Kein Wunder also, dass die Ergebnisse oft traumartig bis unheimlich vertraut wirken.
Die neuronalen Netze träumen, irren, halluzinieren auf Basis unserer Kulturarchive
Es entstehen Visionen, die so rätselhaft sind wie einst die Gemälde eines Max Ernst – nur dass nun ein Algorithmus Regie führt.
Entscheidend ist dabei, wie Künstler diese neuen Werkzeuge einsetzen. Zwar verwenden manche Kreative DALL·E & Co., um in Windeseile etablierte Stile zu reproduzieren – doch die spannendsten Positionen brechen mit den Erwartungen an gefällige Digitalästhetik. Ein Beispiel gibt das Düsseldorfer Duo Hedda Roman: Glattpolierte KI-Bilder interessieren die beiden nicht. Stattdessen zeigen sie in ihrer aktuellen Ausstellung „Test Time“ in Bielefeld, wie Unsicherheit, Rauschen und Brüche zur eigenen Bildsprache werden. Hedda Roman arbeiten mit generativer KI und verknüpfen die Sampling-Techniken des historischen Surrealismus mit neuronalen Netzwerken. Während andere die KI als Trickmaschine nutzen, lassen sie die Systeme träumen und halluzinieren – Zufall und Kontrollverlust werden hier zum Prinzip. Auffällig konsequent bricht das Duo mit der glatten KI-Ästhetik: Statt Hochglanz liefern sie Porösität, Zersetzung und digitale Glitches. Ähnlich suchen weltweit Künstlerinnen und Künstler im Zusammenspiel mit der KI nach frischen surrealen Ausdrucksformen. So lässt der Brite Jake Elwes in „Zizi – Queering the Dataset“ ein Gesichtserkennungs-Netzwerk hunderte Porträts von Drag-Performern morphen. Es entsteht eine fröhliche Freakshow voller Antlitze, die „zu schräg sind, um physiologisch möglich zu sein“ – ein queeres Update des Cadavre Exquis. Auch der deutsche Pionier Mario Klingemann generiert unheimliche Porträts und Szenen aus dem neuronalen Rauschen; und die immersive KI-Installation “Unsupervised” von Refik Anadol in New York ließ die Besucher in pulsierende Daten-Träume eintauchen – ganz so, als würden hier Maschinen ihre eigenen Visionen projizieren. Kein Wunder, dass Anadol betont, Maschinen könnten träumen und halluzinieren.
Institutionen weltweit prägen diese Entwicklung mit. Im Max Ernst Museum Brühl spürte 2023/24 die Ausstellung „Surreal Futures“ den Verbindungen von historischem Surrealismus und High-Tech-Kunst nach und beschwor gleich zu Beginn die Auferstehung der Cadavres Exquis, jener kollektiven „erlesenen Leichen“, als Sinnbild der aktuellen Strömung. Das ZKM Karlsruhe wiederum lud im Programm „KI auf der Couch“ dazu ein, dem maschinellen Unbewussten surrealistische Fragen zu stellenz. In Workshops wurden dort automatisches Schreiben und KI-Textgeneratoren kombiniert, es gab Diskussionen über Träume von Mensch und Maschine – als hätte man Freud persönlich auf die Rechencluster gebeten. Und auch die großen Kunstshows setzen längst auf KI-Kunst: Auf der Biennale in Venedig, der documenta oder in den Hallen großer Galerien von New York bis Berlin sind KI-Installationen und -Bilder keine Sci-Fi-Spielereien mehr, sondern ernstzunehmende Beiträge zur Kunst unserer Zeit.
Mit der Euphorie kommen freilich auch Reibungen und Debatten. Puristen sehen in der künstlichen Kreativität bereits eine existenzielle Bedrohung für die Kunst. In ihren Augen sind KI-Werke seelenlose Rekombinationen – „hochentwickelte Plagiate“, die echte künstlerische Arbeit entwerten. Tech-Enthusiasten hingegen feiern KI als Demokratisierungsmaschine: Endlich könne wirklich jeder* zum Künstler werden, Barrieren fielen, neue Ausdrucksformen entstünden. Dazwischen tobt ein juristischer Streit um Urheberrechte: Wem gehört ein KI-Bild, wenn die Datenbasis allen und keinem gehört? Gleichzeitig umarmen einige Kreative die KI bereits als Sparringspartner – einen Mit-Autor, dessen Beiträge nicht völlig kontrollierbar sind und der die eigene Imagination eher erweitert als ersetzt. Der Kunstmarkt wiederum schwankt zwischen Aufbruch und Verunsicherung. Einerseits eröffnet die KI unendliche neue Motive und Stile, die Sammler neugierig machen. (Man denke an den NFT-Boom, in dem plötzlich auch KI-Bilder zu begehrten Spekulationsobjekten wurden.) Andererseits droht eine Überschwemmung mit generischen Bildern, die die Besonderheit des einzelnen Werks zu erodieren droht. Und schließlich steht die Grundsatzfrage im Raum: Warum überhaupt menschliche Autorschaft privilegieren? Sollte Kunst nicht an ihrem ästhetischen Wert gemessen werden, unabhängig davon, ob sie von einem Menschen oder einer Maschine geschaffen wurde? Diese provokative Sicht der Post-Humanisten mag vielen noch zu weit gehen, doch sie zeigt, wie tief der Wandel reicht.
So markiert die KI-getriebene Wiederkehr surrealer Bildwelten einen faszinierenden Übergang. Hundert Jahre nach Breton sucht die Kunstwelt abermals den Zugang zum Unbewussten – nur führen die neuen Pfade nicht mehr durch Schlaf und Traum allein, sondern durch Datensätze und diffuse Rechenlandschaften. Was dabei herauskommt, wirkt mal vertraut, mal verstörend, oft wunderschön bizarr.
Während manche also noch darüber streiten, wer hier eigentlich der Urheber ist, schauen andere längst gebannt zu, wie Maschinen träumen.